Goldene Hochzeit

So war es einst: ein sonnenhelles Glück,
im Herzen junger Liebe süßes Beben,
die Wangen frisch, die Augen voller Glanz
und vor sich noch das ganze reiche Leben.

Bräutlich geschmückt mit blühnder Myrten Grün,
trat sie ihm wie ein holder Traum entgegen,
in seine Hände fortan ihr Geschick,
all ihre junge Seeligkeit zu legen;

all ihre Liebe – und die Zeit verrann –
manch Silberfädchen stahl sich leis, ganz leise
in blonder Haare lichtes Goldgelock,
und sanft verklang die frohe Jugendweise . . .

Wohl wärmt das Glück und schürt der Liebe Glut,
doch Leiden läutern – einst stählt sich am andern –
der Sommer schwand – längst zog der Herbst ins Land –
und doch, und doch – es war ein seelig wandern,

ein seelig Wandern bis zu diesem Tag,
treu miteinander fünfzig lange Jahre –
„Komm, Mütterchen –“ Sacht drück die Enkelin
die goldene Myrte in die weißen Haare

und ziert mit dem Symbol bewährter Treu’
Großvaters Brust – der lächelt traumumfangen –
ihm ist’s, als wär er wieder jung wie einst,
da er sie sah in ihrer Schönheit Prangen

an einem Frühlingstag zum Altar gehen –
Sein Auge schaut verloren in die Weiten:
„horch doch, mein Lieb“ – er lauscht verklärten Blicks –
„horch, Mütterchen – die Hochzeitsglocken läuten“

Leon Vandersee

Die Liebe wenn sie neu

Die Liebe, wenn sie neu,
braust wie ein junger Wein.
Je mehr sie alt undklar,
je stiller wird sie sein.

Angelius Silesius

Zu einer goldnen Hochzeit

Schweift der Geist zurück in jene Tage
Alter Zeiten, Schön’res er nicht findet,
Als das Schicksal, welches eine Sage
Uns von Philemon und Baucis kündet.

Treuerprobt im Glücke und im Leide,
Wuchs ihr Leben so in Eins zusammen,
Dass – damit der Tod sie niemals scheide,
Ließ ein Gott aus ihnen Bäume stammen,

Deren Zweige unauflöslich breiten
Sich zum Schattendache, und ein Tempel
Werden vielen Paaren, die voll Freuden
Nehmen dran ein liebendes Exempel.

Und mir däucht, es sei in diesem Paare
Philemon und Baucis neu erstanden -
Silberhell erglänzen ihre Haare,
Golden ihrer Treue feste Banden.

Treuerprobt im Glücke und im Leide,
Wuchs ihr Leben ganz in Eins zusammen,
Doch ein mild’rer Gott noch ließ für Beide
Höh’re Freude, süß’res Glück entstammen.

Noch im Vollgenuss der Lebensfülle,
Frisch am Geiste, frisch des Herzens Triebe,
Feiern sie in edler Menschenhülle
Heut’ das seltne Jubelfest der Liebe!

Wohl seh’ ich zwei Bäume sich verschlingen,
Doch nur als Symbol von jener Sage -
Lasst es euch von treuen Freunden bringen,
Die sich mit euch freu’n an diesem Tage!

Luise Büchner | 1821 – 1877

Zur silbernen Hochzeitsfeier

Es hat seine eigenste Sprache der Traum,
Oftmals versteht sie der Träumende kaum.
Doch manche Träume sind allverständlich,
In ihrer Deutung Jedwedem kenntlich;
So will’s zum Beispiel Hochzeit bedeuten,
In allen Ländern, bei allen Leuten,
Wenn man im Traume Feuer sieht
Das hellauflockernd ‘gen Himmel zieht.

Ich sah Hamburg im Traume brennen,
Mochte vor allen ein Haus erkennen,
Aus dessen Gluthen Klagesang
Wehmuthsvoll mir zum Herzen drang.
Er kam nicht aus menschlichen Seelen,
Denn es klagten viel’ Blumenseelen,
Zogen um ein Herbarium,
Welches verbrannte, wimmernd herum;
Sangen im Chor: “Wir flüchtige Geister,
Waren gebannt durch unsern Meister
An getrockneter Leiber Gruft.
Mangelten uns gleich Licht und Luft,
Athmeten wir doch Reste von Duft;
Hingen noch mit der Form zusammen. -
Jetzt, wo Blätter und Stengel in Flammen
Knistern, verzehrt sich das letzte Band
Jenes Vereins; die Hülle schwand,
Arme Seelen müssen wir wandern,
Müssen verschwimmen mit so viel’ andern!”

So die Pflanzenseelen im Traum.
Bei’m Erwachen fand ich den Baum,
Dessen Früchte herab sich neigen.
Und aus grünen Blütenzweigen
Hör’ ich ein Flüstern: “Wir kehrten ein
In diese Myrthe; bringe nun fein,
Zu der Silberhochzeit, als Gabe,
Welche tief’re Bedeutung habe,
Durch Erinn’rung an deinen Traum,
Kühn und fröhlich den Myrthenbaum,
Weil er kindliche Blüten hegt,
Weil er goldene Früchte trägt!”

Karl von Holtei | 1798 – 1880

So vor fünfundzwanzig Jahren

So vor fünfundzwanzig Jahren
standet ihr am Traualtar.
Under der Zukunft Tage waren
euch und anderen noch nicht klar.

Aber heut’ im Freundeskreise
schaut ihr zurück auf eure Reise;
für das Ziel, das nicht mehr Schein,
stehen Kind und Enkel ein

Franz Grillparzer | 1791 – 1872