Die Liebe wenn sie neu

Die Liebe, wenn sie neu,
braust wie ein junger Wein.
Je mehr sie alt undklar,
je stiller wird sie sein.

Angelius Silesius

Zur silbernen Hochzeitsfeier

Es hat seine eigenste Sprache der Traum,
Oftmals versteht sie der Träumende kaum.
Doch manche Träume sind allverständlich,
In ihrer Deutung Jedwedem kenntlich;
So will’s zum Beispiel Hochzeit bedeuten,
In allen Ländern, bei allen Leuten,
Wenn man im Traume Feuer sieht
Das hellauflockernd ‘gen Himmel zieht.

Ich sah Hamburg im Traume brennen,
Mochte vor allen ein Haus erkennen,
Aus dessen Gluthen Klagesang
Wehmuthsvoll mir zum Herzen drang.
Er kam nicht aus menschlichen Seelen,
Denn es klagten viel’ Blumenseelen,
Zogen um ein Herbarium,
Welches verbrannte, wimmernd herum;
Sangen im Chor: “Wir flüchtige Geister,
Waren gebannt durch unsern Meister
An getrockneter Leiber Gruft.
Mangelten uns gleich Licht und Luft,
Athmeten wir doch Reste von Duft;
Hingen noch mit der Form zusammen. -
Jetzt, wo Blätter und Stengel in Flammen
Knistern, verzehrt sich das letzte Band
Jenes Vereins; die Hülle schwand,
Arme Seelen müssen wir wandern,
Müssen verschwimmen mit so viel’ andern!”

So die Pflanzenseelen im Traum.
Bei’m Erwachen fand ich den Baum,
Dessen Früchte herab sich neigen.
Und aus grünen Blütenzweigen
Hör’ ich ein Flüstern: “Wir kehrten ein
In diese Myrthe; bringe nun fein,
Zu der Silberhochzeit, als Gabe,
Welche tief’re Bedeutung habe,
Durch Erinn’rung an deinen Traum,
Kühn und fröhlich den Myrthenbaum,
Weil er kindliche Blüten hegt,
Weil er goldene Früchte trägt!”

Karl von Holtei | 1798 – 1880

So vor fünfundzwanzig Jahren

So vor fünfundzwanzig Jahren
standet ihr am Traualtar.
Under der Zukunft Tage waren
euch und anderen noch nicht klar.

Aber heut’ im Freundeskreise
schaut ihr zurück auf eure Reise;
für das Ziel, das nicht mehr Schein,
stehen Kind und Enkel ein

Franz Grillparzer | 1791 – 1872

Hermann und Ottilie zur Silbernen

Es ist doch so, als ob es war:
Man hätte einmal es versucht.
Und heute: Eure Ehe bucht
Euch silbern 25 Jahr.

Nun, wie ein scheuer Schmetterling,
Huscht die Erinnerung vorbei.
Wie es im Einzelnen verging,
Das ist das Wissen in Euch zwei.

Die Zwei, die wuchs und sich verwob
Zu einer Freundschaft frei und treu,
und täglich mehr und täglich neu
Ins Abgeklärte sich erhob.

Wenn Ihr aus allen Fenstern schaut,
seht Ihr, was Fleiß sich Stück für Stück
Erkämpft hat oder ausgebaut. –
Und Kinder teilen dieses Glück.

In gute Zeit, in frohe Zeit –
So wünschen wir – zieht lustreich hin!
Nachdenklich stille Dankbarkeit
Sei weiter Eure Führerin.

Joachim Ringelnatz | 1883 – 1934

Tipp: Geschenke zur Silberhochzeit

Welcher Glanz & welcher Schimmer

Welcher Glanz und welcher Schimmer
leuchtet heut in eurem Zimmer.
Bei dem schönen Jubelfest,
das euch Gott erleben lässt!

Hier beim sanften Schein der Kerzen,
wünsch ich euch vom ganzen Herzen,
dass euch Gott in seiner Güte
viele Jahre noch behüte.

Zur silbernen Hochzeit

Seht, wie die silbernen Lettern im Sammet sich innig verschlingen,
Eure Namen, sie sind’s, ganz ineinander verwebt!
Also umrankten im Lenz der Liebe traut sich die Herzen,
Seele in Seele zerfloss, bis sie zerschmolzen in Eins.
Und die Jahre verrannen; wie glühte die Sonne des Sommers,
Trotzend dem Wetter und Sturm reifte die goldene Saat. –
Herbst nun ist es geworden, mit mildem Scheine der Wehmut
Streift der scheidende Strahl grüßend die dämmernde Flur.
Und wie Spinnweb ziehn, zu glitzerndem Netz gewoben,
Über der Wanderer Haupt silberne Fäden dahin.
Aber die köstliche Frucht aus reich gesegneter Ernte
Wisst ihr geborgen, und Glück tragt ihr in friedlicher Brust.
Füreinander wie einst in Liebe schlagen die Herzen –
Was so im Leben vereint – trennen einst sollt‘ es der Tod?

 

Ernst Scherenberg